Während in der tradierten Plastik in der Regel die der Natur entlehnten Formen zur Kunst führen, so erfährt bei Werthmann die statische geometrische Form und das nüchterne, industriell bestimmte Material des Stahls durch die Bearbeitung einen Wandlungsprozeß, der über die Kunst zum Natürlichen führt.
 
In der ersten Werkgruppe der Jahre 1957 bis 1975 ist es die Dynamik strukturierter und kontinuierlicher Bewegtheit, in der sphärische Ballungen Form und Raum umschreiben. In dieser Phase steht ganz die Schweißtechnik im Vordergrund, das Verbinden oft kleinteiliger Elemente zu in sich oder oberflächlich vibrierender bzw. sich durchdringender Formen.

Die zweite Werkgruppe ab 1975 betont die Dynamik der Form, die von ihr ausgehende Kraft, die nach außen drängt und die eigenen Grenzen, die Umhüllung sprengt. Dies wird im wahrsten Sinne des Wortes erreicht, durch Gestaltung mit der Kraft explodierenden Dynamits, das den Stahl formt oder aufbricht.
 
Die dritte Werkgruppe ab 1987 betont die Dynamik des Raumes, der aufgenommen und strukturiert wird durch Bewegungslinien – Stahlstangen weisen die Richtung. Der Wechsel der Raumbeschreibung vollzieht sich in geschweißten, knotenartigen Verdickungen. Die „Parallelogramme" beschreiben ausschnitthaft offene, nicht statische Räume, entsprechend beginnen die Skulpturen bei der leisesten Berührung zu vibrieren.

 
«Kunst und Konzeption stehen in einem ähnlichen Verhältnis zueinander wie Dichtung und Grammatik. Jeder meiner Arbeiten liegt ein Konzept zugrunde. Innerhalb dieses Konzepts ist aber etwas möglich, das mit dem Segeln vergleichbar ist: man nimmt den Wind an, wie er kommt, Seiten oder Gegenwind; und trotzdem erreicht man sein Ziel, obwohl einige Schläge eine andere Richtung haben. Es wird also ein Zu-Fall akzeptiert, ohne das Ziel zu verfehlen … Der Stahl gibt mir die Möglichkeit, durch besonders große Auflösungen und Verdichtungen Bewegungsformen zu gestalten, bei denen die Schwere des Materials aufgehoben und zugleich die Statik in Dynamik umgewandelt wird … Ähnlich wie in der Musik beruht auch bei mir das Gestaltungsprinzip auf Reihungen im Raum, Rhythmen, Strukturen, Schichtungen.»
(Friederich Werthmann)


Foto: Hartmut Witte